Interview mit Evelyn Palla

Evelyn Palla, Vorstandsvorsitzende der Deutschen Bahn AG

Interview mit
Evelyn Palla

Im Interview spricht die DB-Vorstandsvorsitzende Evelyn Palla über die neue Deutsche Bahn und den Weg dorthin.

» Wir geben uns erst zufrieden, wenn die Deutsche Bahn auf ganzer Strecke überzeugt. «

Frau Palla, Sie haben der Deutschen Bahn einen Neustart verordnet. Warum braucht es eine grundlegende Neuaufstellung?

Unsere Kund:innen erwarten zu Recht eine Deutsche Bahn, auf die sie sich verlassen können — jeden Tag, auf jeder Strecke. In den letzten Jahren haben wir Versprechen zu oft nicht eingelöst. Verspätungen, hohe Verluste und zu wenig Transparenz haben bei unseren Stakeholdern Vertrauen verspielt. Und zwar nach außen sowie auch bei den Eisenbahner:innen. Genau deshalb war klar: Ein »Weiter so« darf es nicht geben. Wir haben bewusst den Reset-Knopf gedrückt. Dieser Neustart ist kein kurzfristiges Projekt, sondern ein langfristiger Performance- und Kulturwandel. Wir wollen ehrlicher kommunizieren, verlässlicher liefern und konsequenter handeln — auch dann, wenn Entscheidungen unbequem sind. Unser Ziel ist, dass Fahrgäste den Unterschied spüren und Mitarbeitende wieder stolz sagen können: Diese Bahn bewegt Deutschland.

Was bedeutet der Neustart konkret?

Mit meinem Amtsantritt habe ich damit begonnen, im DB-Konzern jeden Stein umzudrehen. Zu lange ist die Verwaltung immer größer geworden und der direkte Draht zum Kerngeschäft abgerissen. Wir waren zu sehr damit beschäftigt, uns selbst zu verwalten, anstatt konsequent Ergebnisse der Geschäftsfelder einzufordern. Der Neustart heißt deshalb vor allem: mehr Verantwortung für die Geschäftsfelder vor Ort und viel weniger Zentrale. Entscheidungen fallen ab jetzt dort, wo Züge fahren und Bahnhöfe funktionieren müssen. Wir beenden lähmende Bürokratie und setzen auf Tempo, Klarheit und vor allem Eigenverantwortung der Geschäftsfelder. So holen wir Leistung und Unternehmertum zurück ins System – und bringen die Bahn näher zu den Kund:innen.

» Beim Neustart setzen wir auf drei Prinzipien: Ehrlichkeit. Verlässlichkeit. Konsequenz. «

Was ist jetzt schon anders?

Der Umbau hat sofort begonnen: weniger Vorstände, weniger Hierarchien, weniger Bürokratie. Das ist kein Selbstzweck, sondern der Schlüssel für mehr Geschwindigkeit und Kundenorientierung. Wir können die schwierigen betrieblichen Rahmenbedingungen, unter denen wir täglich arbeiten, nicht sofort verändern. Aber wir können uns neu aufstellen, um unter diesen Rahmenbedingungen bessere Entscheidungen zu treffen. Dazu brauchen wir einen schlanken Konzern und flache Hierarchien, die uns nicht mehr den Blick aufs Kerngeschäft und die Kund:innen verstellen. Gleichzeitig haben wir auch bei der Ehrlichkeit aufgeräumt. Beim Projekt Stuttgart 21 habe ich den unrealistischen Zeitplan beendet. Und bei der Pünktlichkeit verspreche ich nichts, was wir nicht halten können. 2026 steht für Konsolidierung und Stabilität statt Schönfärberei. Mein Maßstab: Fakten vor Ankündigungen.

Sie sagen, auch die wirtschaftliche Performance stimmt nicht. Gegenüber 2024 hat sich das Ergebnis verbessert. Wie beurteilen Sie die Entwicklung?

Ja, 2025 haben wir operativ schwarze Zahlen geschrieben. Umsatz und bereinigtes EBIT sind gestiegen – das ist ein wichtiger Schritt nach vorn. Aber Zufriedenheit wäre hier trotzdem fehl am Platz. Unser Anspruch muss deutlich höher liegen: Erst wenn wir wieder nachhaltig Jahresüberschüsse erwirtschaften, Investitionen aus eigener Kraft möglich sind und Kund:innen echte Verbesserungen spüren, sind wir am Ziel. Deshalb halten wir das Tempo hoch, denn hier haben wir noch einen langen Weg zu gehen.

Wie blicken Sie auf die einzelnen Geschäftsfelder?

Eine erste Trendwende zeichnet sich ab: DB Fernverkehr ist beim operativen Ergebnis wieder zurück in den schwarzen Zahlen, DB Regio bleibt weiter stabil auf Erfolgskurs und DB Cargo hat sein operatives Ergebnis um rund 350 Millionen Euro verbessert – muss jetzt aber konsequent den Sanierungsweg gehen. Das ist in Summe ein besseres Bild als in den Vorjahren, aber auch hier sind wir noch lange nicht am Ziel. Der eigentliche Schlüssel liegt jedoch in der Infrastruktur. Ein zuverlässiges Netz entscheidet über alles bei der Eisenbahn. Deshalb gilt: bauen, bauen, bauen. 2026 wird ein Superbaujahr – so viel Sanierung und Modernisierung gab es noch nie. Auch wenn uns das bei der Pünktlichkeit in 2026 weiter ausbremst, ist das unglaublich wichtig. Nur mit einem starken Netz gewinnen wir am Ende die Pünktlichkeit nachhaltig zurück.

Der Konzernumbau betrifft fast jeden Bereich des Konzerns. Was bedeutet das für die Mitarbeitenden?

Unsere mehr als 200.000 Mitarbeitenden sind das Herz der Bahn – ich mache diesen Neustart natürlich für die Menschen in Deutschland, aber insbesondere auch für alle Eisenbahner:innen! Wir wollen den Eisenbahner:innenstolz erneut entfesseln. Das ist eine unglaubliche Kraft, die in uns schlummert. Wir wollen Stolz, Leistung und Entscheidungsfreude zurückbringen. Führung bedeutet künftig: Hindernisse aus dem Weg räumen, Verantwortung übernehmen, ehrlich kommunizieren. Weniger verwalten, mehr bewegen. Die Messlatte ist klar: Wir geben uns erst zufrieden, wenn die Deutsche Bahn auf ganzer Strecke überzeugt – und zwar überall, jederzeit und für alle! Weniger ist keine Option!

Sie sagen, Sie wollen mit den Veränderungen einen spürbaren Effekt für die Kund:innen erzielen. Wie genau wird der sich einstellen?

Bessere Pünktlichkeit entsteht vor allem durch eine zuverlässige Schiene. Die Schiene ist nun mal die Mutter aller Dinge bei der Eisenbahn. Dort entsteht Qualität oder sie entsteht eben nicht. Klar ist aber: Die Beseitigung des jahrzehntelangen Investitionsrückstaus ist ein Projekt der nächsten zehn Jahre. Nichts wird da schnell gehen. Da dürfen wir uns nicht in die Tasche lügen. Aber wir wollen das nicht abwarten. Parallel investieren wir rund 140 Millionen Euro in drei Sofortprogramme: für mehr Sauberkeit und Sicherheit an Bahnhöfen, mehr Komfort im Fernverkehr und bessere Kundeninformation. Die Idee dahinter: Die Menschen sollen jetzt sofort spüren, dass sich bei der Bahn was zum Besseren ändert– nicht erst am Ende der Bauarbeiten.

Was gibt Ihnen Zuversicht für die Zukunft der Deutschen Bahn?

Dieser Jahresabschluss ist auch ein Abschluss mit der alten Bahn. Mit dem Neustart haben wir das Fundament für die leistungsstarke Bahn von morgen gegossen. Mein Ziel: Die Deutsche Bahn soll wieder die beste Eisenbahn Europas werden! 200.000 Eisenbahner:innen in ganz Deutschland stehen bereit für den Wandel – unterstützt von der Politik und motiviert im Wettbewerb um die besten Konzepte. Wir machen ernst und gehen unseren Weg: ehrlich, konsequent, verlässlich!

» Veränderung funktioniert nur mit Konsequenz: Wir machen keine halben Sachen mehr. Was richtig und wichtig ist, ziehen wir durch. «

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